Direkt zum Inhalt

Edelmetall das es chlöpft und tätscht!

W
Das gab es noch nie: Das Schweizer Junior:innen und U23 Nationalteam hat 13 Medaillen von der Europameisterschaft mit nach Hause gebracht. Massgeblich an dieser unglaublichen Sammlung beteiligt waren auch unsere Nidwaldner Athletinnen und Athleten. Aber lest selbst!
  • Das Team mit einem Teil der Medaillen
  • Ein Teil des wunderbaren Fanclubs

Auch jetzt wo ich hier vor dem Computer sitze und diesen Bericht schreibe, kann ich es immer noch kaum fassen: 13 Medaillen! 13 Mal standen Schweizerinnen und Schweizer an dieser EM auf dem Podest. Und einmal haben wir sogar unsere Hymne gehört - und lauthals mitgesungen. Mir kommen schon wieder die Tränen.

Aber jetzt der Reihe nach. Am Anfang war alles wie immer. Wir haben ein Jahr lang trainiert, bei Sonnenschein, Regen, Sturm und Schnee. Haben Boote eingerichtet, an der Technik gefeilt, Pläne geschmiedet und an Schwächen gearbeitet. Sind über 1000 Kilometer nach Banja Luka gefahren. Haben x Trainingsfahrten absolviert. Gut oder weniger gut geschlafen und ziemlich viel zusammen gelacht.

An der Eröffnungsfeier hat Aaron die Fahne getragen und wir haben zum ersten Mal die Glocken unseres Fanclubs gehört. Da läuft es einem schon mal kalt den Rücken runter.

Dann war er da, der Tag der ersten Entscheidungen. Gleich Vollgas mit den Sprintfinals im Einzel und im Team. Jonah, Nora und Aaron liegen nach der Qualifikation auf Rang 3, Hannah, Glenys, Mona und die C2's Jonah/Cornel und Mona/Hannah stehen ebenfalls im Finale. So aufgeregt war ich in meiner ganzen Karriere als Trainerin noch nie. Meine Hände zittern so stark, dass ich kaum das iPad zum Filmen halten kann.

Die Juniorinnen eröffnen den Tag. Leider haben alle drei Fahrfehler, doch die Ränge 8, 11 und 14 können sich im Vergleich mit dem letzten Jahr trotzdem sehen lassen. Jetzt kommt Aaron. Er hat die Saison dominiert. Die Franzosen geschlagen und die Italiener. Sich dauernd nur verbessert. Was liegt heute drin? Ich kann kaum hinsehen. Im Ziel ist er Zweiter, es kommen noch zwei Franzosen. Beide fallen nach hinten und da ist sie - die erste Medaille dieser EM! Und was für eine. Aaron wird im zweiten Jahr Jugend bei den Junioren schon Vizeeuropameister, das ist kaum zu glauben. Die Erleichterung und die Freude sind riesig - bei uns und bei unserem Fanclub.

Weiter geht's mit der U23. Hannah macht den Anfang und erreicht mit einer klaren Steigerung im Vergleich zur Qualifikation den 6. Rang. Gleich im Anschluss ist Jonah im C1 an der Reihe. Erinnert euch, er ist 3. nach der Qualifikation. Sein Lauf ist der Wahnsinn. Fehlerlos, dynamisch, kraftvoll. Alles, woran wir gearbeitet haben, scheint auf einmal aufzugehen. Im Ziel: Klare Bestzeit. Zwei stehen noch oben. Nur einer fährt vor Jonah und wir haben den nächsten Vizeeuropameister. Der nächste Sprint ins Ziel, die nächsten Gratulationen. Ich bin jetzt schon im siebten Himmel.

Jetzt zum C2. Da haben wir gute Erinnerungen an Banja Luka. 2019 werden Jonah und Cornel Vizeweltmeister bei den Junioren auf der gleichen Strecke. Heute stehen sie und Mona und Hannah am Start bei der U23. Jonah und Cornel starten gut, sind viel besser im Rhythmus als in der Quali. Im Ziel wieder eine Bestzeit, die nur noch von den beiden französischen Booten unterboten wird. Nach Junioren-Silber folgt also U23-Bronze. Doch damit nicht genug. Hannah und Mona fahren erst seit dieser Saison regelmässig zusammen, doch das Boot harmoniert bestens. Winzige 1.75 Sekunden trennen sie am Ende vom Titel und 0.32 vom zweiten Platz, aber das ist uns egal. Wir feiern schon wieder eine Bronzemedaille und ich weiss nicht mehr wo mir der Kopf steht.

Der Tag ist noch nicht zu Ende, es folgen die Teamrennen. Das ist unser Ding. Flashback zu 2019 - Luis und Cornel holen gemeinsam mit Robin aus Solothurn den Vizeweltmeistertitel bei den Junioren. Heute in diesem Rennen am Start: Aaron mit Patrick und Nicolas aus Solothurn. Auf dem Papier kein Top 3 Team. Das Papier ist aber bald Makulatur. Ein sauberer Lauf, eine schnelle Zeit und ein Franzose, der kurz vor dem Ziel in die Wand fährt sind das Rezept für eine erneute Bronzemedaille. Zählt mal mit, das sind jetzt schon fünf Medaillen. Vorher sind die Juniorinnen mit Nora, Mona und Glenys schon 5. geworden. Mit 1.01 Sekunden Rückstand auf den ersten Platz. Das war das engste Rennen des Tages.

Der arme Aaron muss gleich nochmal ran, er fährt mit Luis und Cornel das U23 Team. Seine Konzentrationsfähigkeit ist unerreicht. Kein Wackler, kein Fehler, alle drei am Limit und die Bestzeit hat bestand bis zum letzten Team. Dieses Mal fahren die Franzosen nicht in die Wand sonder klassieren sich 0.07 Sekunden vor den Schweizern. Schade, schade, aber drei neue Vizeeuropameister für uns! Wir haben jetzt sechs Medaillen und fragen uns langsam, was bisher unser Allzeit-Rekord war. Sechs oder sieben, so glauben wir.

Es folgt noch das C2-Team der Herren. Jonah, Cornel, Janis, Luis, Patrick und Nicolas stehen am Start. Nicht alles ausgewiesene C2 Spezialisten, aber die Basis ist vorhanden. Der Wille auch. Es gilt, mindestens drei Teams zu schlagen. Und das gelingt unseren Jungs. Und wie: Mehr als 3 Sekunden liegen zwischen ihrem dritten und dem vierten Platz. Es sind jetzt 7 Medaillen und ich bringe keinen geraden Satz mehr zusammen. Zum Glück sind da die Umarmungen unseres Fanclubs, die mich glauben lassen, dass das alles kein Traum ist.

Wir geniessen die Siegerehrung und insgeheim kommt der Wunsch auf, doch wenigstens einmal auch noch unsere Hymne zu hören.

Es folgen die zwei Renntage auf der Klassik-Strecke. Die ist lang, oft flach und trotzdem nicht zu unterschätzen. Wieder beginnen die Juniorinnen. Als 7. (Mona), 10. (Glenys) und 14. (Nora) heben sie ihr Niveau im Verhältnis zum letzten Jahr in neue Sphären. Ein guter Anfang. Auf meinem Posten bei der ersten Zwischenzeit bin ich jetzt schon mit der Welt zufrieden. Es folgt Aaron. Er macht ein super Rennen. Nach den ganzen Emotionen von gestern (3 Medaillen für Aaron im Sprint!) keine einfache Sache. Auf's Podest reicht es heute nicht, aber den 6. Rang nehmen wir auch. Ähnlich geht es Jonah, er wird heute 8.

Als nächste an der Reihe ist Hannah. Seit 2018 warten wir zusammen auf eine Medaille an einer Meisterschaft. Sie trainiert so viel, investiert so viel, hinterfragt sich, ändert Sachen, bleibt locker. Heute muss es endlich reichen! Die erste Fahrerin stellt an meinem Posten gleich die Bestzeit auf, die von niemandem mehr unterboten werden kann. Hannah kommt ihr am nächsten, nur 1 Sekunde trennen die beiden bei Rennhälfte. Im Ziel sind es 6.6, aber das ist mir egal. Und Hannah auch, denn da ist sie, die Silbermedaille an der Europameisterschaft. Wir haben eine U23 Vizeeuropameisterin! Jetzt kann ich die Freudentränen nicht mehr zurückhalten, so ganz alleine auf meinem Zwischenzeitstein. Pims, unser Nationaltrainer macht einen Videoanruf aus dem Zielraum und Hannah und ich weinen ein paar Minuten miteinander. So erleichtert und unglaublich froh sind wir.*

Die U23 Jungs machen ein gutes Rennen, sind aber alle drei nicht 100% zufrieden. Cornel als 19., Janis als 21. und Luis als 23. ist aber schon ein deutlich besseres Bild als letztes Jahr.

Wieder machen die C2's den Abschluss und ihr ahnt es schon, es kommt noch besser. Beide Boote wiederholen den Coup von gestern und werden wieder Dritte und zwar mit klar und deutlichem Abstand zum vierten Platz. Es sind die Medaillen Nummer 8, 9 und 10. Es klingt als würde eine ganze Kuhherde durch den Canyon des Vrbas laufen. Unsere Fans geben alles und haben massgeblichen Anteil an unseren Erfolgen.

Ein Tag fehlt noch. Die Klassik Teamrennen. Mögen wir auch, aber nicht so sehr wie die Teamrennen im Sprint. Dachte ich zumindest. Den Auftakt machen wieder die Juniorinnen. Sie werden 4. und sind mit diesem Rang im Ziel verständlicherweise nicht ganz glücklich, auch wenn der Abstand nach vorne heute gross ist. Ihre Ansprüche an sich selbst wachsen mit unseren unglaublichen Erfolgen an dieser EM. Gleich geht es später auch noch den U23 Herren in der Besetzung Cornel, Janis, Luis. Sie werden 6., es fehlt nicht viel nach vorne.

Dazwischen passiert aber etwas, womit wir nur in unseren kühnsten Träumen an der Siegerehrung gerechnet haben. Unsere drei Junioren - vielleicht nicht ganz, ganz zufrieden mit ihren Klassik-Einzelresultaten werden Europameister. Mit einer Zeit, die bei der U23 Rang 4 bedeutet hätte. Und nur 9 Sekunden langsamer ist als die Einzelzeit von Aaron. Dafür 30 Sekunden schneller als die von Nicolasa. Zweiter sind die Italiener, mit 0.69 Sekunden Rückstand und Dritter die Franzosen mit 1.47 Sekunden Rückstand. Und das auf fast 19 Minuten Renndauer. Ich sehe Sterne vor den Augen oder kleine 11er. Dank Florina und Dietmar kann ich einen Abstecher von meinem Zwischenzeitposten ins Ziel machen und die Goldjungen in die Arme nehmen. Unbeschreiblich.

Der perfekte Schlusspunkt? Mitnichten. Da geht noch was! Unser erfolgreiches C2 Team steht noch oben. Und das ist noch nicht alles. Hannah, Mona und Glenys stürzen sich heute noch in ein Abenteuer. Sie machen ein C1 Damenteam. Eigentlich nur, um die Kategorie gültig zu machen. Eigentlich. Die U23 C2's laufen wieder gut. Bei meiner Zwischenzeit liegen sie schon auf einem recht sicheren dritten Platz. Weiter unten bei Benjamin auch. Ben und ich sind heute im Flow, wir geben sogar rückwirkende Zwischenzeiten. Im Ziel ist es wieder Platz drei für das C2 Team - was für ein Resultat. Bleiben noch die C1 Damen. Sie sind als erstes Team gestartet und kommen auch als erste bei mir an. Früher als ich sie erwartet habe und vor allem souveräner. Das sieht richtig gut aus. Glenys kämpft, Mona kämpft, Hannah hilft wo sie kann. Und kämpft auch. Die Britinnen und die Spanierinnen kommen, aber sie kommen zu spät. Unsere Frauen sind dritte. Im C1 Team. Das gibt's doch nicht!

Am Abend noch einmal die Siegerehrung. Diesmal mit dem Schweizer Psalm. So laut haben wir den noch nie gesungen und wahrscheinlich auch nie so falsch. Aber es kam aus tiefstem Herzen.

Dann das Abendessen, ein bisschen Party für die Athletinnen und Athleten, ein bisschen Ruhe für Pims, Chantal (Physio) und mich. Noch 1000 Kilometer bis nach Hause. Zum Glück hilft Benjamin uns beim Fahren. Ich fahre langsam ein bisschen runter und entwirre mein Emotionschaos. Und dann kommen mir in Buochs trotzdem wieder die Tränen. Beim Abschied von meinem Team, das so ein grossartige EM gezeigt hat. So über sich hinausgewachsen ist. So auf den Punkt bereit war. So locker und hilfsbereit geblieben ist und jetzt dankbar und bescheiden vor mir steht. Jede und jeder einzelne. Todmüde und überglücklich.

Schaut euch die Banja Luka News von Linus an (siehe unten). Taucht mit uns in die Emotionen dieser unvergesslichen Europameisterschaft ein und seht selbst, was aus den ehemaligen TG3lern, TG2lern geworden ist.

Ich bin überwältigt. Und einfach nur stolz.

Annalena

 

*Mir bedeuten alle Medaillen gleich viel, egal wer sie holt und welche Farbe sie haben. Hannah hat in den letzten Jahren extrem viel investiert und auch ein paar Rückschläge einstecken müssen, deswegen die grossen Emotionen.